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Die Welt zu ihren Füßen - 7. Kalendertürchen - langes Ende_Teil_1


Die Welt zu ihren Füßen – langes Ende
PG12
Warnung: akute Gefahr von Schmalzflecken auf dem Teppich

~~

Als sie leise die Zimmertür öffnete, glaubte sie zuerst Boerne wäre noch nicht da, doch dann hörte sie seine leisen, tiefen Atemzüge. Er schlief offenbar schon und in diesem Moment war sie froh darüber. Er… und Linder… hatten sie so aus dem Gleichgewicht gebracht, dass sie erst wieder zur Ruhe kommen musste.

Morgen Mittag, nach den letzten Vorträgen und einem abschließenden Plenum würde das Symposium mit einem gemeinsamen Mittagessen zu Ende gehen. Das hieß, sie würde wieder mit Boerne nach Hause fahren. Sie wusste nicht, ob sie sich darüber freuen sollte.

~~

„Dieser Dr. Linder… ich habe gehört in seinem Institut wird in absehbarer Zeit der Posten des Stellvertreters vakant?“
Boerne konzentrierte sich scheinbar auf den Verkehr, doch seine Gedanken waren bei der Frau auf dem Beifahrersitz. Bis jetzt hatten sie beide geschwiegen.

Sie nickte knapp. „Sein Stellvertreter ist schwer erkrankt und will in vorzeitigen Ruhestand gehen“, bestätigte sie.

„Hat er denn schon einen Nachfolger in Aussicht?“ Er bemühte sich zwar um eine gleichmütige Stimme, doch sie klang selbst in seinen Ohren scharf und hart.

Es bewirkte immerhin, dass sie zu ihm hinüber sah. „Nein… allerdings habe ich eine sehr gutes Angebot von ihm bekommen.“

Boerne hatte es vermutet, doch bis zu diesem Moment nicht gewusst. Seine Finger schlossen sich ein wenig fester um das Lenkrad. „Bei diesem Stümper? Was glauben Sie, können Sie von ihm lernen?“

Alberich schnaubte. „Darum geht es doch gar nicht. Es wäre eine Chance für mich… als Stellvertreterin…“ Sie warf ihm einen Blick zu und seine finstere Miene ließ sie verstummen. „Ach... vergessen Sie es.“

Sie wusste selbst noch nicht, was sie wollte. Da war Dr. Linder… ein freundlicher, aufmerksamer Mann, der sich um sie bemühte und sie als seine Stellvertreterin haben wollte… vielleicht sogar mehr? Da war Berlin, neue Herausforderungen, neue Aufgaben, ein Karrieresprung und ein Schritt vorwärts für sie.
Auf der anderen Seite war da Boerne… egozentrisch, herrisch und manchmal schwer zu ertragen… aber auch einfühlsam und jemand, für den es sich lohnte durchs Feuer zu gehen weil er das gleiche für seine Freunde tat. Da waren Thiel, Nadeshda und Frau Klemm, da waren ihre Freundinnen, Münster… und die Arbeit, die sie liebte exakt so wie sie war. Und… da war dieses Kribbeln im Bauch, wann immer sie in Boernes Nähe war.

Sie unterdrückte ein leises Seufzen. Boerne würde nie etwas anderes in ihr sehen, als seine Assistentin, dessen war sie sich sicher. Er mochte große, langbeinige Frauen… die zudem noch aus der Gesellschaftsschicht stammten, der auch er angehörte. Alles schlechte Karten für sie.

~~

Bis Boerne sie schließlich am Nachmittag bei Ihrer Wohnung aussteigen ließ, war kaum ein weiteres Wort zwischen ihnen gefallen. Er war froh darüber gewesen. Ihre Nähe hatte ihn nervös gemacht und er war sich nicht sicher gewesen, ob er mehr gesagt hätte, als es ihm oder ihr gut getan hätte.

Irgendwann war sie eingeschlafen und er hatte ab und an einen Blick auf die in ihren Sitz gekuschelte Frau geworfen. Sie hatte klein und zerbrechlich gewirkt, hatte etwas in ihm angerührt, das er nicht zu benennen gewagt hatte und das er auch jetzt nicht so genau betrachten wollte.

Darüber, dass sie nur den Chef und Professor in ihm sah, war er sich sicher. Mit diesem Karaoke-Blödsinn hatte er sich schon genug zum Narren gemacht… das hatte vollauf genügt. Sie musste nicht noch mehr wissen.

~~

„Alberich!“ Boernes Stimme hallte durch die Rechtsmedizin und sie hätte vor Schreck beinahe den Objektträger fallen gelassen. Was wollte er denn nun schon wieder?
„Ja, Chef?“, rief sie zurück und unterdrückte ihren Unmut. Entweder war er mit Hauptkommissar Thiel unterwegs, was für sie mal wieder mehr Arbeit bedeutete, oder er tobte sich hier in der Rechtsmedizin mit komplizierten Untersuchungsmethoden aus, die sie sonst so gut wie nie anwandten und die ebenfalls noch mehr Arbeit für sie mit sich brachten.

Natürlich war es gut, vor neuen Erkenntnissen aus anderen rechtsmedizinischen Instituten nicht die Augen zu verschließen, aber musste man deshalb gleich alles über den Haufen werfen? Zudem hatten die neuen Methoden im aktuellen Fall nicht den erhofften Erfolg gebracht, so dass sie dann eigenmächtig die Proben mit der bisher angewandten Technik noch einmal untersucht hatte. Mit diesen Ergebnissen war Thiel dann einen Schritt weitergekommen und Boernes Laune war in nie erreichte Tiefen gesunken.

Sie verstand nicht, warum er dieses Mal so viel umorganisierte, wo er doch sonst nach jedem Kongress oder Symposium nur uninteressiert abgewunken hatte, wenn sie ihn nach Neuerungen gefragt hatte.
Seine Erklärung hatte für sie nach fadenscheiniger Ausrede geklungen und sie keinen Deut schlauer gemacht. Sie vermutete sogar eher, dass er selbst nicht so genau wusste, warum er diesen Zirkus veranstaltete. Wollte er jemandem etwas beweisen? Vielleicht, dass die Rechtsmedizin in Münster jener in Berlin in nichts nachstand?

„Bringen Sie mir mal den Langenbeck-Haken. Ich glaube, der könnte zu den Wundmalen passen.“

Silke streckte den Kopf aus der Labortür. Boerne stand am Obduktionstisch und betrachtete die Leiche, die sie heute Morgen obduziert hatten. Ein mittelalter Mann, Arzt, unklare Todesursache und seltsame Schlagmale. An seiner Idee konnte was dran sein.

Sie wollte schon zu ihm gehen, da bemerkte sie den vor einer halben Stunde neu eingeräumten Rollwagen mit den für die nächste Obduktion frisch sterilisierten Instrumenten. Etliche der grünen Hüllen aus Spezialfolie waren aufgerissen, ihr Inhalt auf dem Rollwagen und neben der Leiche verteilt.
Sie würde alle wieder reinigen, frisch verpacken und neu sterilisieren müssen.
„Ach Mensch, Chef“, brummte sie und trat an den Tisch heran. „Mussten Sie denn alles aufreißen? Wir haben doch noch jede Menge unsterile Instrumente im Labor. Wenn es nur darum geht, die Form der Instrumente mit den Wundmalen zu vergleichen, reichen die doch aus.“

Boerne schaute sie über den Rand der Brille hinweg an. „Ja, musste ich.“ Sein Ton war gleichgültig, seine ganze Haltung signalisierte Unmut und Ablehnung und sie fragte sich, was eigentlich los war. Seit Tagen war er nun schon so schlecht gelaunt, dass er kaum zu ertragen war. Eigentlich seit dem Symposium. Heute Morgen dann, als sie die Untersuchungen nochmal gemacht hatte, war er richtiggehend wütend geworden. Nicht, dass er die Qualität ihrer Arbeit kritisiert hätte… aber sein Tonfall und sein Benehmen waren so unangenehm geworden, dass sie sich darüber zu ärgern begann. Sie hatte ihm nichts getan und sie sah es nicht ein, dass er seine Laune an ihr ausließ.

Ohne aufzusehen streckte er ihr die Hand entgegen und winkte mit den Fingern. „Was...? Ach so, der Langenbeck-Haken. Der liegt gleich neben Ihnen, Chef“, informierte sie ihn und drehte sich um, um wieder ins Labor zurückzukehren.

Boerne schaute neben sich und nahm das Instrument. „Alberich? Da wäre noch was… heute Abend müssen Sie länger bleiben. Wir haben Rufbereitschaft, aber ich will Thiel zu einer Hausdurchsuchung begleiten.“

Silke erstarrte mitten in der Bewegung. Ging das schon wieder los? Ihr Dienst war in einer halben Stunde beendet und sie dachte gar nicht daran länger zu bleiben, damit er Thiel zu etwas begleiten konnte, bei dem er nichts zu suchen hatte!

Sie fuhr herum und funkelte ihren Chef wütend an. „Sagen Sie mal, wer hat Ihnen eigentlich die Butter vom Brot geklaut? Sie sind unausstehlich, unhöflich, herrisch und verfügen über mich, als sei ich Ihr Eigentum, seit wir von diesem Symposium zurück sind“, schimpfte sie.

Boerne hob abwehrend die Hände und trat einen Schritt zurück. „Na, na, Alberich, sind das nicht ein paar zu große Worte für Sie? Es gibt keine Grund sich so aufzuplustern, nicht dass Sie noch in die Luft gehen, so wie Sie die Backen aufblasen.“

„Ach… Sie…“ Silke machte eine wegwerfende Bewegung mit den Armen und rannte geradezu aus dem Raum. In der kleinen Küche angekommen hörte sie, wie Boerne ihr völlig unbeeindruckt hinterherrief: „Wenn Sie schon mal da sind, können Sie mir ja gleich einen Kaffee bringen.“

Hah, sollte er sich den doch selbst holen!
Sie streifte ihren Laborkittel ab und hängte ihn an den Haken, dann holte sie ihre Tasche aus dem Spind und ging.

Als sie aus dem Gebäude trat, pfiff ein schneidend kalter Wind durch die Straße und trieb Regenschauer vor sich her. Müde und erschöpft machte sie sich auf den Heimweg. Ihre Jacke war zu leicht für das Wetter und sie beeilte sich, nach Hause zu kommen. Ein Schirm war bei dem Wind nutzlos und so zog sie sich einfach nur die Kapuze über den Kopf.

Sie wollte eben eine Straße überqueren, als ein Wagen, der ihr bekannt vorkam, um die Ecke bog. Boerne saß darin, neben ihm diese langbeinige Rothaarige vom Symposium. Sie hatte keine Ahnung, wo Dr. Paterna hergekommen war, oder was sie in Münster wollte. Aber ganz offenbar war sie die Hausdurchsuchung mit Thiel! War es denn zu viel verlangt, dass er wenigstens ehrlich zu ihr war? Boerne schien sich auf jeden Fall sehr gut mit ihr zu unterhalten und achtete gar nicht darauf, dass sie dort stand. Er fuhr so dicht am Gehweg vorbei, dass er eine Pfütze erwischte und sie von oben bis unten vollgespritzt wurde.

Vor Schreck schnappte sie nach Luft und stampfte dann zornig mit dem Fuß auf, als er einfach weiterfuhr. Das hatte ihr zu ihrem Glück gerade noch gefehlt.

Frustriert stapfte sie durch das Mistwetter und drängte schniefend die Tränen zurück, als sie endlich ihre Wohnung erreichte. Mit zitternden Fingern schloss sie auf und knallte die Tür dann hinter sich zu. Müde ließ sie sich dagegen sinken.

Ob sie sich das Angebot von Dr. Linder vielleicht doch noch mal überlegen sollte?

~~

Boerne war sauer. Der peitschende Regen nahm ihm die Sicht, diese aufdringliche Dr. Paterna kaute ihm das Ohr ab und wie es schien, hatte er gerade noch ein von Kopf bis Fuß in eine Regenjacke eingewickeltes Kind nass gespritzt. Konnte noch mehr schief gehen?

Eigentlich hatte er Alberich anbieten wollen sie nach Hause zu fahren. Vorher musste er jedoch Thiel anrufen um ihm abzusagen und als er endlich das Gespräch beendet hatte, war sie schon verschwunden gewesen. Nun, sie hätte ihn ja auch fragen können, nicht wahr?

Mit über den Kopf gezogenem Jackett hatte er zu seinem Wagen laufen wollen, als er seinen Namen gehört hatte. In der Hoffnung, Alberich wäre doch noch im Gebäude gewesen, hatte er sich umgedreht. Zu seiner Überraschung war es Dr. Paterna gewesen. Sie hatte etwas in Köln zu erledigen gehabt und wollte ihm, wenn sie schon in der Nähe war, einen kurzen Besuch abstatten. In der Nähe… Boerne schnaubte. Köln lag ja auch gleich ums Eck, nicht wahr? Aber was waren schon 150 km.
Es war klar gewesen, dass sie gehofft hatte bei ihm übernachten zu können... Wie kam sie darauf? ...doch er hatte ihr stattdessen ein Hotelzimmer besorgt, zu dem er sie nun brachte. Zu seinem Glück würde sie morgen wieder mit einem anderen Kollegen, der einen Familienbesuch in Münster machte, nach Köln zurückfahren.

Zurzeit lief aber auch alles schief. Nicht nur, dass die Anzahl der ungeklärten oder eindeutig unnatürlichen Todesfälle rasant anstieg und ihnen die Arbeit über den Kopf zu wachsen drohte.
Nein, da schwebte immer noch das Damoklesschwert der vakanten Stelle in Berlin über ihm. Er wusste noch immer nicht, wie Alberich darüber dachte, denn wann immer er versuchte darüber zu reden, brachte er keinen vernünftigen Satz heraus. Frustriert flüchtete er sich stattdessen in immer flacher werdende Platituden und reagierte gereizt, was ihm wohl bewusst war. Aus irgendeinem Grund, der sich ihm entzog, schaffte er es aber nicht das zu ändern.

Er brauchte sie in der Rechtsmedizin. Wie kam dieser eingebildete Schnösel Linder überhaupt dazu, ihr eine Stelle anzubieten? Es war ja nicht so, dass sie auf der Suche war, oder? Sollte er sich doch selbst darum kümmern einen Neuling in die Feinheiten der Forensik einzuweisen… Medizinstudium hin oder her und schließlich gab es viele Wege Forensiker zu werden. Da den richtigen Mitarbeiter aus den vielen möglichen Varianten herauszupicken, damit Spezialgebiete und besondere Fachrichtungen sich ergänzten… er und Alberich passten in dieser Hinsicht hervorragend zusammen und das würde er sich nicht kaputt machen lassen.

Boerne steigerte sich so sehr in seinen gerechten Zorn hinein, dass er glatt vergaß Frau Dr. Paterna angemessen zu verabschieden, als sie aus seinem Wagen stieg.

~~

Boernes Stimmung hatte sich am nächsten Morgen praktisch gar nicht gebessert, sondern strebte eher einem absoluten Tiefpunkt entgegen. Natürlich hatte er am Abend noch versucht Linder telefonisch zu erreichen, was jedoch nicht sehr ergiebig gewesen war.

Linder hatte ihn ziemlich brüsk abgewiesen, als er ihn freundlich und geduldig darüber aufklärte, dass Alberich nun mal in seine... jawohl! … in seine Rechtsmedizin gehörte und sonst nirgendwohin. Das hatte ihn in der Nacht so lange beschäftigt, dass er heute Morgen wegen Schlafmangels mürrisch und unzufrieden mit sich und der Welt war.

Da half es auch nichts, das Alberich schon früh am Morgen ohne seine Anwesenheit mit einer von Frau Klemm wohl dringend angeordneten Obduktion begonnen hatte. Sie musste nun mal warten, bis er da war und durfte ohne ihn nicht anfangen. Dass sie trotzdem gute… naja… sehr gute Arbeit geleistet hatte, brauchte er ja nicht extra zu erwähnen, das wusste sie ja schließlich.

Der Kaffee schmeckte auch reichlich bitter und nach einiger Recherche fand er heraus, dass es sich nicht um den gewohnten koffeinhaltigen Kaffee, sondern um eine entkoffeinierte Variante handelte, die irgendeiner der Obduktionshelfer fälschlicherweise anstatt des sonst üblichen Kaffees besorgt hatte. Zudem war seine Kaffeemilch sauer geworden.

Er wusste gar nicht genau, was er eigentlich zu Alberich gesagt hatte, als sie irgendwann wutschnaubend ins Labor verschwunden war und nun wie wild ihren Computer bearbeitete, obwohl sie doch eigentlich schon lange Feierabend hatte.
Nur mit Mühe konnte er sich von den ständig um Berlin, Alberich und Linder kreisenden Gedanken losreißen, um sich auf den aktuellen Bericht zu konzentrieren.
Es war definitiv kein Mord gewesen… sondern Selbstmord. Nur… ob Thiel das glauben würde? Er brauchte dringend noch einen ganz bestimmten Blutabgleich.

„Alberich?“, rief er in das Labor hinüber ohne aufzusehen. „Wenn Sie ohnehin noch im Labor beschäftigt sind, dann können Sie doch gleich nochmal an einer Blutprobe testen, ob sich…“

Sie stand so plötzlich vor ihm, dass er erschrocken die Luft anhielt.
„Ich werde erst mal gar nichts mehr testen! Wenn Sie es nicht schaffen, ein Mindestmaß an normalem Umgangsformen aufrecht zu erhalten, sehe ich es nicht ein, dass ich mir das gefallen lassen soll.“

Sprachs, legte schwungvoll ein bedrucktes Papier vor ihn auf den Schreibtisch und stürmte aus dem Raum.

„Alberich? Was…?“

Boerne schaute völlig überrumpelt auf das Blatt Papier, dass sie ihm auf den Tisch gelegt hatte. Das hässliche Wort *Überstundenausgleich*, stand dort, über einer fein säuberlichen Auflistung ihrer Überstunden der letzten Monate und fraß sich in sein Bewusstsein. Nur am Rande bekam er mit, dass sich die Schiebetür der Rechtsmedizin mit einem lauten Quietschen hinter ihr schloss.

Überstundenausgleich?
Wie kam sie eigentlich dazu so einfach spontan ihre Überstunden abzufeiern? Das hieße ja, dass sie ihn hier mit der ganzen Arbeit allein ließ! Das konnte er sich unmöglich gefallen lassen! Er holte tief Luft, um seinem Ärger lautstark Luft zu machen, dann ließ er sich wie betäubt in seinen Sessel fallen.

So schnell sein verletzter Stolz aufgeflackert war, so schnell fiel er wieder in sich zusammen, als er sich der plötzlich erstickenden Stille um sich herum bewusst wurde.

Er musste das verhindern… konnte doch nicht zulassen, dass sie ihn… musste ihr folgen, sie überreden…

Hastig sprang er auf und stürmte ihr hinterher. Dass er dabei seinen Bürostuhl umwarf, nahm er gar nicht zur Kenntnis.

~~

Er erreichte sie, als sie gerade den langen weiß gestrichenen Gang entlangeilte, der zum Aufzug führte.
„Alberich… Frau Haller… so warten Sie doch. Bleiben Sie…“, er hatte sie erreicht und packte sie am Arm, „… doch endlich stehen.“

Sie machte sich mit einem entschlossenen Ruck frei. „Warum? Um mich von Ihnen wie Ihr Eigentum behandeln zu lassen, über das Sie nach eigenem Gutdünken verfügen können? Es reicht, Boerne. Das habe ich ihnen gestern unmissverständlich klar gemacht aber da sie es offenbar nicht kapieren wollen…“

Sie wandte sich ab und wollte ihren Weg fortsetzen, als er sie erneut festhielt. Das hieß, er wollte nach ihr greifen, doch zwei zornig blitzende Augen hielten ihn davon ab. „Sie wissen offenbar meine Arbeit nicht zu schätzen, das haben Sie mir in den letzten Tagen nur zu gründlich gezeigt. Es gibt aber andere, die das können und ich habe es nicht nötig, mir ihr selbstherrliches, selbstverliebtes und egozentrisches Benehmen noch länger anzutun!“

„Andere? Hah! Wer sollte das denn bitteschön sein?“ Er stemmte die Arme in die Hüfte und baute sich herausfordernd vor ihr auf, auch wenn sie das noch nie beeindruckt hatte und jetzt erst recht nicht tat.
„Etwa dieser dahergelaufene Möchtegernrechtsmedizinier aus Berlin? Der kann doch nicht mal eine Wasserleiche von einem Brandopfer unterscheiden, geschweige denn einen halbwegs vernünftigen Untersuchungsbericht verfassen. Was ich von dem schon zu lesen bekommen habe, Alberich ich sage Ihnen, das hätte ich als Grundschüler besser hinbekommen.“

Sie nutzte den Moment, in dem er Luft holen musste. „Und wenn schon! Es gibt auch so was wie Menschlichkeit und Freundlichkeit, aber das sind ja für Sie wohl Fremdwörter und es reicht nicht, wenn man die in mehrere Sprachen übersetzen kann. Man muss auch wissen, was sie bedeuten!“

Boerne schnappte nach Luft und versuchte die Worte, die ihm nicht von den Lippen kamen mit raumgreifenden Bewegungen aus der Luft zu pflücken. Sie achtete nicht weiter darauf, sondern stürmte erneut an ihm vorbei.

Allerdings hatte sie wohl nicht mit Boernes schneller Reaktionsfähigkeit gerechnet. Er erwischte sie am Arm und wirbelte sie zu sich herum.

Silke starrte wütend an ihm vorbei, weigerte sich ihm ins Gesicht zu sehen. Um Ihre Aufmerksamkeit zu fesseln und um auf ihre Augenhöhe zu kommen, kniete er sich schnell vor sie. Sie zuckte überrascht zurück, sah ihn aber immer noch nicht an.
„Bitte Alberich, ich brauche Sie hier… als Mitarbeiterin… Sie können doch nicht einfach…“, flüsterte er und fragte sich, ob sie die Hilflosigkeit und Traurigkeit in seiner Stimme hörte.

„Und ob ich kann!“, warf sie ihm entgegen. „Es hat Sie doch noch nie interessiert, ob ich überhaupt gerne hier unten arbeite oder…“

Boerne ließ sie gar nicht ausreden. „Ich… Silke… bitte, nach diesem Symposium… und auch schon vorher… ich habe mich in...“ Er stockte und zog sie dann, einer verzweifelten Eingebung folgend, impulsiv an sich und küsste sie kurz, aber nicht weniger nachdrücklich. Es war noch so neu, dieses Gefühl, dass er es nicht wagte es in Worte zu fassen. Alles lief so verdammt schief und er wusste nicht, wie er das Ruder herumreißen sollte… war schlicht überfordert mit dem Chaos aus Gefühlen, Gedanken und der Furcht sie zu verlieren. Hoffend, das sie verstand, suchte er ihren Blick.

Sie holte aus und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Dann riss sie sich los und stürmte endgültig davon.

Boerne sackte stumm auf den Boden.

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Tags: @fanfiction, @tatort-adventskalender-2013, Tatort Münster, alberich, boerne, pg12
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