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Die Welt zu ihren Füßen - 5. Kalendertürchen - Anfang_Teil-1

Fandom: Tatort Münster
Pairing: Boerne/Alberich
Rating: PG12, h/c, fluff, het, ff
Beta: Baggeli… ihr habt Ihr einige wunderbare Verbesserungen zu verdanken
Disclaimer: Die Charaktere gehören den Machern von Tatort, mir gehört der Plot und sonst nichts.

für den Tatort-Adventskalender 2013
Prompt: Schneeflocken
~ 9.600  Wörter (+ 12.000 oder 1.800 Wörter)

Professor Boerne wird Anfang Dezember als Redner zu einem mehrtägigen Forensiksymposium eingeladen, Silke Haller auch. Ob da alles so glatt abläuft, wenn schon die Zimmerbuchung nicht so geklappt hat, wie sie sollte?

Weil der Text für einen einzelnen Post zu groß ist, sind es zwei geworden.



Die Welt zu ihren Füßen

Es war noch früh am Morgen, als Silke gähnend die verschiedenen Umschläge vorsortierte, die sie eben erst aus dem Briefkasten geholt hatte. Fast hätte sie einen der Briefe in  Boernes Fach gelegt, dann stutzte sie und schaute sich den einfachen weißen Umschlag gleich noch mal genauer an. Es war nicht besonderes daran… ein ganz normaler Umschlag eben.

Das, was etwas Besonderes war, war der Stempel einer bekannten forensischen Fachzeitschrift… und ihr Name, der deutlich sichtbar im Adressfeld prangte.
Dazu das Logo des in wenigen Tagen stattfindenden Forensikymposiums?

Das konnte doch nur eine Verwechslung sein?
Ja, als Boerne vor einigen Tagen in einem gleich aussehenden Umschlag eine Einladung erhalten hatte, damit hatte sie gerechnet. Aber dass sie….?

Ein wenig nervös öffnete sie das Kuvert und zog das einzelne Blatt heraus.

Der Jubelschrei, der daraufhin durch die Räume der Münsteraner Rechtsmedizin hallte, ließ Boerne an seinem Schreibtisch merklich zusammenzucken. „Was ist denn Alberich?“, brummte er und warf ihr über den Rand der Brille einen mäßig interessierten Blick zu. „Hat Danny DeVito Sie endlich zum Essen eingeladen?“

Silke strahlte über das ganze Gesicht. „Viel besser, Chef!“ Sie reichte ihm den Brief. „Ich wurde ebenfalls als Rednerin zu dem Forensiksymposium eingeladen.“

Boerne nahm das Blatt und studierte es eingehend. „Sieht ganz danach aus. Aber… ist das nicht ein bisschen zu groß für Sie? Ich meine… worüber wollen Sie denn sprechen? Über das vorgeschlagene Thema? Fixierung der Papillarstrukturen bei Wasserleichen? Wann haben Sie denn dazu Forschungen betrieben?“

Sie grinste breit. „In letzter Zeit hatten wir ja einige davon hier und mit irgendwas musste ich mir ja die Zeit vertreiben, wenn Sie mit Hauptkommissar Thiel unterwegs waren.“

Borne kommentierte ihre kleine Retourkutsche, indem er sie einfach nur verdutzt musterte.

~~

Die nächsten Tage vergingen für Silke wie im Flug. Was aber nicht nur daran lag, dass sie sich unbändig darüber freute, zu einem so wichtigen Kongress als Rednerin geladen worden zu sein, sondern eher daran, dass so viel in der Rechtsmedizin zu tun war, dass sie kaum zum Durchatmen kam. Sicher, Boerne erledigte seinen Teil der Arbeit, doch alles, was auch von ihr gemacht werden konnte, überließ er ihr, wie meist wenn er sich für einen Vortrag oder ähnliches vorbereitete. Für sie bedeutete das einige zusätzliche Überstunden.
Normalerweise hätte ihr das nichts ausgemacht. Sie arbeitete gerne mit Boerne zusammen und sie liebte ihren Beruf. Ein nennenswertes Privatleben hatte sie ohnehin nicht, zumindest niemanden, der nach Feierabend auf sie wartete.
Jetzt aber… sie hatte noch nie vor so großem Publikum einen Vortrag gehalten und wollte sich gründlich darauf vorbereiten. Es ärgerte sie deshalb zunehmend, dass Boerne das momentan ziemlich gleichgültig zu sein schien, besonders, nachdem er in der letzten Zeit eher rücksichtsvoller und manchmal geradezu zuvorkommend gewesen war.

Sie erinnerte sich an diesen Bericht, den sie noch hätte tippen sollen. Vor Müdigkeit nach einer Nachtschicht hatte sie aber keinen normalen Satz mehr herausgebracht. Er hatte sie nach Hause geschickt und am Morgen war der Bericht fertig gewesen. Boerne hatte in seinem Büro geschlafen und kein Wort darüber verloren… oder der Tag im Spätherbst, als er ihr einfach so aus der Kantine ein Stück Kuchen mitgebracht hatte.

Aber da sein so entgegenkommendes Verhalten in den letzten Tagen deutlich nachgelassen hatte, hatte sie deshalb bereits gestern angemeldet, dass sie sich heute den Nachmittag frei nehmen würde. Sie brauchte diese Zeit einfach.

Boerne war den ganzen Morgen mit dem Hauptkommissar und dessen Assistentin unterwegs gewesen, erst gegen Mittag tauchte er wieder im Institut auf. Sie beendete die Untersuchung, die sie eben noch durchgeführt hatte und hängte dann ihren Kittel in den Spind. „Chef? Ich geh dann mal.“

„Was? Wieso?“ Boerne schaute irritiert von den Berichten auf, die er gerade mit höchster Konzentration noch einmal durchgegangen war. Sicher ging es wieder um ein kompliziertes Detail bei einem von Thiels Fällen, vermutete Silke. Und natürlich hatte er ihren freien Nachmittag vergessen. Sie seufzte und schob sich den Riemen ihrer Handtasche höher auf die Schulter. „Ich habe doch gestern schon Bescheid gesagt, dass ich heute früher Schluss mache und Sie waren einverstanden“, erinnerte sie ihn.

Boerne schien sich vage daran zu erinnern, wenn sie seine Miene richtig deutete. Dennoch winkte er fahrig ab. „Das geht jetzt nicht… ich muss gleich noch mal weg und wer hält dann hier die Stellung?“

Silke glaubte nicht richtig zu hören. Meinte er das etwa wirklich?
Sie atmete tief durch. „Ich jedenfalls nicht.“ Sie drehte sich um und wollte nun wirklich zur Tür, als  Boerne neben ihr auftauchte und sie am Arm festhielt. „Das ist mein Ernst, Alberich. Sie können jetzt nicht einfach gehen. Ich kann in den nächsten Stunden nicht hier sein, weil ich etwas Dringendes zu erledigen habe.“.

„Und mein Vortrag? Ich möchte mich darauf vorbereiten und packen muss ich auch noch. Ich muss morgen sehr früh losfahren… mit meinem Auto bin ich viel länger unterwegs als Sie“, versuchte sie ihm ihren Standpunkt zu erklären.

„Alberich… auf Ihren Vortrag können Sie sich doch auch hier vorbereiten und packen müssen Sie ja nun wirklich nur einen kleinen Koffer.“

Es war noch nicht oft vorgekommen, aber dieses Mal fehlten ihr die Worte, so dass sie sich einfach losriss und an ihm vorbeistürmte.

~~

Zu Hause angekommen hatte Silke beinahe mit einer Nachricht von ihm auf dem Anrufbeantworter gerechnet, doch da war nichts. Auch nicht auf der Mailbox des Handys, das sie auf dem Heimweg wohlweißlich abgeschaltet hatte. Also schmollte Boerne noch. Es war ihr egal. Sie wollte den Nachmittag nutzen, um sich auszuruhen und um ihren Vortrag nochmal durchzugehen und genau das tat sie auch.

Gegend Abend, als sie gerade mit Packen fertig war, klingelte es. Schon auf dem Weg vom Schlafzimmer nach unten erkannte sie Boernes vertraute Silhouette durch die Glaseinsätze der Haustür. Was bedeutete das nun wieder?

Zuerst überlegte sie, ob sie überhaupt öffnen sollte, dann siegte ihre Neugierde. Sie musste sich ein Lächeln verkneifen, als Boerne wie ein begossener Pudel vor ihr stand und ihr einen Blumenstrauß entgegenstreckte.

„Frau Haller. Ich bin gekommen um mich zu entschuldigen… die letzten Tage…“, murmelte er geknickt und schaute sie mit seinem treuherzigen Blick an, den er immer anwandte, wenn er Mist gebaut hatte und das auch wusste.

Silke musterte ihn von Kopf bis Fuß. Sollte sie ihn hereinbitten? Nein, entschied sie. Es würde ihm gut tun, noch eine Weile zu schmoren. Dieses Mal war er zu weit gegangen.
„Was wollen Sie?“, fragte sie ruhig, auch wenn sie ihm am liebsten die Tür vor der Nase zugeknallt hätte. Dachte er wirklich, ein Blumenstrauß, auch wenn er wirklich wunderschön war und alle ihre Lieblingsblumen enthielt, würde sein unfaires und egozentrisches Verhalten ungeschehen machen können?

„Ich habe noch einmal über Ihre Worte nachgedacht und eingesehen, dass Sie in den letzten Tagen mehr zusätzliche Aufgaben übernehmen mussten und… Sie haben noch nie einen Vortrag bei einem Symposium gehalten, nicht wahr? Ich gehe deshalb davon aus, dass Sie zusätzliche Zeit für die Vorbereitung benötigen.“

„Genau das habe ich Ihnen ja erklärt“, gab sie ungerührt zurück. „Deshalb habe ich diesen Nachmittag frei genommen.“

Boerne, der noch immer auf der Türschwelle stand, schien endlich zu merken, dass sie ihm sein Verhalten diese Mal wirklich übel nahm. Er räusperte sich. „Wann wollten Sie morgen früh losfahren?“

Von dem plötzlichen Themenwechsel irritiert zuckte sie nur mit den Schulter, bevor sie vage meinte: „Recht früh… es ist ja schon eine ziemliche Entfernung, da bin ich eine Weile unterwegs. Warum fragen Sie?

„Nun“, Borne wippte zwischen Ferse und Zehenspitzen auf und ab, wie er es manchmal tat, wenn er sich auf sicherem Terrain wähnte. Gleichzeitig war sein Blick jedoch fragend und eine Spur unsicher. Sie unterdrückte ein Schmunzeln, weil sie diesen ein wenig jungenhaften Wesenszug an ihm recht gern mochte.
„Da wir ja im gleichen Hotel gebucht hatten, wäre es doch einfacher, wenn wir zusammen fahren würden. Zudem ist mein Wagen deutlich schneller und… komfortabler als der Ihre. Am morgigen Abend bin ich zu einem Empfangsessen geladen. Es wäre deshalb völlig ausreichend, wenn wir gegen Mittag losfahren würden.“ Nun mischte sich eine Spur Hoffnung in seine Miene. „Darf ich Sie also abholen?“

Nun, wo er Recht hatte, hatte er Recht. Es wäre schneller und komfortabler und sie hätte am Vormittag noch etwas Zeit für ihren Vortrag. „Ihr Angebot kommt mir tatsächlich sehr gelegen“, stimmte sie seinem Vorschlag zu, ohne ihre Stimme allzu begeistert klingen zu lassen.

Er schien sich ehrlich zu freuen. „Gut… dann bis morgen Mittag.“

„Ja, bis morgen dann… und gute Nacht.“ Sie schloss die Tür, bevor sich das Schmunzeln über ihr Gesicht ausbreiten konnte. Sie hätte nie gedacht, dass es solche Effekte haben konnte, Boerne entschlossen die Stirn zu bieten.

Die Blumen hatte sie trotzdem nicht angenommen.

~~

Boerne holte sie wie versprochen am nächsten Tag ab. Über ihren tatsächlich nicht sehr großen Koffer verlor er jedoch kein Wort, auch wenn er bei dessen Anblick die Augenbrauen hob. Er ahnte, dass sie ihm das übel nehmen würde.

Alberich schwieg zu Beginn der Fahrt und er versuchte, es ihr gleichzutun. Allerdings war ihm nicht ganz wohl bei dem Gedanken, sie so gänzlich ohne Vorbereitung in das Schlachtfeld eines Symposiums zu entlassen. Deshalb begann er, ihr die verschiedenen Abläufe, Gepflogenheiten und Besonderheiten ausführlich zu erklären. Leider schien es sie nicht im Mindesten zu interessieren, welche Erfahrungen er in dieser Hinsicht bereits gemacht hatte… manche davon mit schmerzlichem Lehrgeld.

Stattdessen vertiefte sie sich in ihren Vortrag und ging diesen nochmal durch. Er wusste, dass sie ihn gleich am nächsten Morgen halten würde und er sah ihm mit Spannung entgegen. Es stand für ihn fest, dass sie bei ihren Forschungen auf einige interessante Dinge gestoßen sein musste. Sehr gesprächig war sie dadurch allerdings nicht, was ihn schließlich auch wieder schweigen ließ.

Sie kamen gut voran, gerieten dann aber in einen Stau, der sich nicht umfahren ließ und so kam es, dass sie erst am frühen Abend im Hotel eintrafen.

Spätestens da hatte er Alberichs steigende Aufregung bemerkt. Sie schaute sich neugierig um und schien alles gleichzeitig wahrnehmen zu wollen. Insgeheim lächelte er über ihr Verhalten und freute sich, ihr das alles auch einmal zeigen zu können, anstatt nur davon zu erzählen. Sie war eine sehr gute Forensikerin und er gönnte ihr die berufliche Aufmerksamkeit, die dieses Symposium ihr bringen würde.

Zunächst war es jedoch nur ihre Größe, die die Blicke auf sich zog. Zwei Forensiker, denen er schon bei anderen ähnlichen Veranstaltungen begegnet war, begrüßten ihn vor dem Hotel, doch keiner beachtete die Frau neben ihm. Alberich schien das nicht zu stören.

„Das waren Dr. Magnus von Rhode aus Bonn und Dr. Lutz Scheffer aus Bern, nicht wahr?“, fragte sie, als die beiden Forensiker in entgegengesetzter Richtung weitergingen.

Er nickte, überrascht, dass sie sie offenbar kannte. „Ja, aber woher…?“

Sie winkte ab. „Die forensische Fachzeitschrift, die ungelesen in ihrem Büro lag… beide haben Aufsätze darin veröffentlicht.“

Boerne nickte verstehend. „Dann werden Sie in den nächsten Tagen noch einige Forensiker kenne lernen, von denen Sie bisher nur gelesen haben“, gab er trocken zurück. Dieses Symposium würde sicher interessanter werden, als es die angekündigten Vorträge versprachen. Er war auf ihre Meinung über einige der Herren und Damen gespannt, wusste er doch, dass sie recht schnell hinter die Fassade eines Menschen schauen konnte.

Der Dämpfer kam allerdings, als sie das Foyer betraten und überall auf mürrische oder teilweise deutlich verärgerte Teilnehmer stießen. Aus Gesprächsfetzen entnahmen sie, dass etwas mit den Buchungen schief gelaufen sein musste.
Boerne bat sie kurz beim Gepäck zu warten und erkundigte sich nach ihren Zimmern. Da wurde schnell klar, was los war: Das Buchungsprogramm des Computers war wegen eines Systemfehlers abgestürzt und hatte, nachdem es wieder zum Laufen gebracht worden war, die Zimmerbelegung durcheinandergeworfen: manche Buchungen waren komplett gelöscht, andere doppelt oder falsch angelegt worden.

Die Verantwortlichen hatten sich zwar bemüht, alles wieder zu korrigieren, doch da dies unter dem enormen Zeitdruck der anreisenden Gäste geschah, war es erneut zu Fehlern gekommen. Für Boerne bedeutete dies, dass seine Reservierung verschwunden war. Bei Alberich hingegen war aus dem Einzelzimmer im Businessbereich des Hotels ein Doppelzimmer im First-Class-Bereich geworden. Sie hatte nun die Wahl, die Buchung allein zu bestätigen, oder das Zimmer mit jemandem zu teilen.

Boerne, dem dieses Chaos nach der langen und anstrengenden Fahrt die Laune zu verderben drohte, begann wortgewaltig mit dem verantwortlichen Concierge zu verhandeln, bis ihm Alberich eine Hand auf den Arm legte. „Chef… wenn ich schon das Zimmer mit jemandem teilen muss, dann würde ich das lieber mit Ihnen tun als mit jemand Wildfremden.“

Boerne unterbrach sich mitten im Satz und schaute auf sie herab. Er hatte gar nicht daran gedacht, dass diese Regelung ja auch noch eine Möglichkeit wäre. Er überlegte kurz, dann nickte er knapp.

„Also gut, ich akzeptiere diese… Umbuchung. Aber…“ er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und deklamierte: „Ich bestehe darauf, dass nur die Summe für das ursprünglich gebuchte Einzelzimmer berechnet wird. Alles andere wäre unverfroren, denn es ist ja nicht unsere Schuld, dass Ihr unausgegorenes Buchungsprogramm die Zimmer falsch zugeteilt hat und Ihr sogenanntes Fachpersonal unfähig ist diese Katastrophe in angemessener Weise und Zeit rückgängig zu machen!“

Der Concierge nickte ergeben und versteckte sich vor diesem Beispiel gerechten Zorns hinter dem Computer, an dem er eilig die Umbuchung vornahm. Dann winkte er einen Zimmerjungen herbei, der Alberichs und sein Gepäck auf einen Wagen lud und zum Lift voranging.

Sie folgten ihm schweigend. Boerne bemerkte aus den Augenwinkeln, dass Alberich ihm einen ziemlich kleinlauten Blick zuwarf. Er war jedoch über diese Schlamperei so erbost, dass er nicht weiter darauf achtete, sondern sich mühsam in Zaum haltend zum Aufzug ging. Momentan würde er sich mit der Situation abfinden müssen, aber er würde Mittel und Wege finden, das wieder geradezubiegen. Es wäre ja noch schöner, wenn ein Boerne das mit sich machen ließe!

~~

Das Symposium würde erst morgen früh beginnen, doch schon heute Abend traf sich, was Rang und Namen hatte, zu einem gemeinsamen Essen.
Natürlich hatte Boerne dazu eine Einladung erhalten und Silke gönnte ihm das. Sie wusste, wie wichtig ihm sein wissenschaftlicher Ruf war und dass er sich den auch wirklich verdient hatte, wusste sie ebenso. Sie selbst war nicht geladen worden und das war ihr ganz recht. So konnte sie sich in aller Ruhe Hotel und Kongresszentrum ansehen und vielleicht dem Wellnessbereich einen Besuch abstatten. Ein Abend ohne Boerne würde ihr nach der Fahrt gut tun.

Wie immer hatte er zu alles und jedem einen Kommentar gehabt und irgendwann hatte sie einfach nicht mehr zugehört. Was interessierten sie die Unzulänglichkeiten der anderen Teilnehmer?

Das Zimmer war eine Überraschung. Es enthielt nicht nur ein großzügiges Doppelbett, und die erwarteten Schränke, sondern auch in einem weiteren Nebenraum eine gemütliche Sitzgarnitur mit Fernseher, Minibar und, neben dem Schlafzimmer ein recht großes, modern ausgestattetes Bad.

Boerne prüfte sofort die Matratze und die Polsterung der Sitzgruppe und schien damit zufrieden zu sein. Sie schmunzelte, als er danach ins Bad tigerte und die Armaturen testete, auch die Minibar wurde inspiziert. Erst als er mit allem zufrieden war – es gab tatsächlich nichts, an dem er etwas auszusetzen fand – entließ er den Zimmerjungen.

Sie hatte derweilen ausgepackt und legte sich gerade Nachthemd, Morgenmantel und ein Buch auf einem der Betten zurecht. Sollte Boerne doch seinem Perfektionismus frönen, sie hatte Besseres zu tun. Ohne weiter auf ihn zu achten ging sie ins Bad, machte sich frisch und tauschte die von der langen Fahrt zerknitterte Bluse gegen eine neue. Als sie wieder ins Zimmer trat, schloss Boerne gerade seinen leeren Koffer. Er hatte seit der Ankunft im Foyer kaum ein Wort mit ihr gewechselt und seine ungewohnte Schweigsamkeit begann an ihren Nerven zu zerren, doch sie wusste beim besten Willen nicht, was sie sagen sollte.

Boerne nahm ihr das ab. Ohne sie anzusehen meinte er unvermittelt: „Ich danke Ihnen, für Ihre Bereitschaft das Zimmer mit mir zu teilen.“

Sie sah überrascht auf. Kein Seitenhieb? Keine spöttische Bemerkung?
Sie zuckte mit den Schultern. „Zimmer ist gut, das ist eine halbe Wohnung. Allein hätte ich mich vermutlich darin verlaufen, so groß wie alles ist.“

Boerne warf ihr einen kurzen Blick zu, griff dann nach einigen Kleidungsstücken und verschwand seinerseits ohne weiteres Wort im Bad.

Sie ließ sich seufzend in einen der Sessel sinken und fragte sich, ob es eine so gute Idee gewesen war, ihm anzubieten das Zimmer mit ihm zu teilen.

~~

Sie hatte gar nicht gewartet, bis Boerne wieder erschienen war, sondern war direkt in das Restaurants des Hotels gegangen. Am Buffet hatte sie sich einen leichten Imbiss zusammengestellt und allein an einem der Tische sitzend gegessen. Es war ihr ganz recht gewesen, dass sie sich in Ruhe umschauen konnte und, da sie etwas abseits saß, einige der anderen Teilnehmer beobachten konnte.

Viele kannte sie von Fotos, brachte mit einigen sogar einzelne Forschungen in Verbindung. Ein wenig aufgeregt war sie schon, dass sie auf einmal Teil dieser elitären Gruppe war, aber es machte ihr auch Spaß, das Ganze mal nicht nur aus Boernes Erzählungen kennen zu lernen.

Sie hörte, wie eine wohl größere Gruppe am Eingang des Restaurants vorbei ging und schaute hinüber. Ja, da gingen jene, die zum Empfangsessen geladen worden waren und schienen sich prächtig zu unterhalten. Sie entdeckte auch Boerne, der mit einer hübschen Rothaarigen in ein angeregtes Gespräch vertieft war.
Es machte ihr plötzlich bewusst, dass sie hier allein saß. Boerne fand schnell Bewunderer und er passte mit seinem leicht überheblichen, egozentrischen und von Standesdünkel erfüllten Auftreten hervorragend in diese Kreise. Er war schließlich nicht der einzige, der sich hier so benahm.

Nun, sie war ja nicht als Boernes Begleiterin hier, oder? Sie stand entschlossen auf und machte sich auf die Suche nach dem Wellnessbereich.

Nachdem sie sich kurz in Fitnessbereich, Schwimmbad und Saunabereich umgesehen hatte, entschied sie sich, schwimmen zu gehen. Sie kehrte ins Zimmer zurück, holte sich Badeanzug und Handtuch und freute sich dann auf einige erholsame Runden.

Das Becken war nicht sehr groß, nahezu quadratisch, doch für ihre Zwecke völlig ausreichend. Entspannt drehte sie sich nach einigen Runden auf den Rücken und betrachtete die bunten Glasscheiben über sich, die, eingelassen in einem Oberlicht, auf dem Wasser für bunte Reflexe sorgten.

Einige andere Gäste des Hotels kamen herein und unterhielten sich lachend und plaudernd über etwas, das sie nicht genau verstand. Es war ihr auch nicht wichtig. Sie döste, entspannt ab und an leicht mit den Armen im Wasser rudernd, vor sich hin. Plötzlich wurde das Wasser um sie herum unruhig und eine Welle schwappte  über ihr Gesicht. Prustend drehte sie sich um und schwamm mit einigen schnellen Zügen an den Rand, wo sie erst mal gründlich Luft holte.
Neben ihr brach ein Kopf aus dem Wasser und ein Mann hielt sich mit der Hand neben ihr am Rand fest. „Bitte entschuldigen Sie. Ich bin ins Wasser gesprungen ohne darauf zu achten, dass ich Sie damit beinahe versenke.“ Er lächelte entschuldigend und sie lachte.

„Schon gut, ist ja nichts passiert.“
Sie musterte den dunkelhaarigen Mann neben sich und er kam ihr vage bekannt vor.
„Sie sind Dr. Linder, nicht wahr? Ich habe erst kürzlich einen Artikel von Ihnen gelesen.“

Er lächelte und reichte ihr die Hand. „Richtig. Dr. Peter Linder… aus Berlin. Und Sie sind...?“

„Silke Haller aus Münster.

„Münster?“ Dr. Linder zog die Brauen hoch und musterte sie fragend. „Dann kennen Sie sicher Professor Boerne?“

„Aber sicher. Er ist mein Chef“, schmunzelte sie.

„Oh…“ Er sah sich suchend um. „Wo steckt er denn?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Beim Essen, nehme ich an. Wollten Sie etwas mit ihm besprechen?“

Er hob abwehrend die Hände, versank dabei fast im Wasser, was sie erneut auflachen ließ. „Gott bewahre! Ich bin froh, wenn ich ihm nicht über den Weg laufe. Er ist zwar einer der besten Rechtsmediziner, die ich kenne aber ansonsten…“ Er grinste. „Da unterhalte ich mich lieber mit Ihnen.“

Silke hatte nichts dagegen. Dr. Linder plauderte angeregt mit ihr und beide vermieden dabei Boerne oder alles, was mit ihm zu tun hatte. Sie lachte viel an diesem Abend, bis er sich schließlich am späten Abend im Foyer von ihr verabschiedete. Sie würden sich in den nächsten Tagen sicher noch häufiger begegnen.

~~

Silke schaute etwas verdutzt von der Fachzeitschrift auf, mit der sie es sich in einem der Sessel bequem gemacht hatte, als Boerne einige Zeit nach ihr ins Zimmer kam, Kissen und Decke von einem der Betten nahm und beides auf das Sofa fallen ließ.
„Was wird das, Chef?“

„Wonach sieht es denn aus, Alberich?“ Boerne gestikulierte fahrig in den Raum hinein. „Da dies Ihre Buchung ist, werde ich selbstverständlich Ihnen das Bett überlassen und hier auf dem Sofa schlafen. Es handelt sich immerhin, wie es für ein solches Haus angemessen ist, um überdurchschnittlich hochwertige Sitzmöbel und…“

„Das ist doch Unsinn.“ Sie stand auf, nahm Kissen und Decke und trug beides wieder zurück. Zumindest versuchte sie das, doch Boerne griff ebenfalls danach und wollte ihr die Sachen aus der Hand nehmen.

„Chef! Man sollte doch meinen, wir sind beide erwachsen genug, um die paar Nächte in einem Doppelbett nebeneinander schlafen können“, stöhnte Silke genervt. „Zudem… Sie sind viel zu groß um auf diesem Sofa einigermaßen bequem liegen zu können. Ihr Gejammer, wenn sie morgen mit steifem Genick rumlaufen müssen, will ich mir aber nicht anhören. Deshalb wäre das, wenn überhaupt, mein Part. Ich denke aber gar nicht daran, das Bett zu räumen!“

„Eben, und deshalb werde ich…“

„Professor Boerne! Können wir uns bitte wie Erwachsene benehmen?“

„Das tue ich soeben, indem ich Ihnen den Vortritt lasse.“

Silke musterte ihren offenbar ernsthaft entschlossenen Chef, dessen Gedankengänge sie – mal wieder – nur schwer nachvollziehen konnte.  Schließlich begann sie zu glucksen. „Also, wenn jemand uns jetzt zusehen würde... Wirklich Professor, es spielt doch keine Rolle, ob wir die paar Nächte in zwei Betten schlafen, die zufällig nebeneinander stehen. Ich beiße auch nicht.“

Boerne schien sich da nicht so sicher zu sein, so wie er sie über den Rand seiner Brille hinweg musterte. Sie ignorierte dies jedoch, nahm ihm das Bettzeug aus der Hand und legte es wieder auf das Bett.
„Wie war überhaupt das Essen?“, versuchte sie dabei mit etwas Smalltalk die Situation zu entschärfen. „Wie es aussah, hatten Sie ja eine angenehme Gesprächspartnerin.“

Als sie keine Antwort erhielt, drehte sie sich um und stellte fest, dass Boerne offenbar im Bad verschwunden war.

~~

Die Vorträge am nächsten Tag gehörten zum Ödesten, was Boerne je gehört hatte.
Keiner der Redner trug etwas vor, von dem er nicht schon gehört hatte und entsprechend langweilte er sich.
Nur Alberichs Vortrag – es war der Zweite an diesem Morgen gewesen – hatte diese Zurschaustellung stupider Plagiatskunst auf erfreuliche Weise unterbrochen. Sie hatte ihn sogar aufs Angenehmste überrascht, hatte er doch gar nicht gewusst, dass sie zu diesem Thema derart intensive Forschungen angestellt hatte.
Bei diesem Lichtblick war es bis jetzt jedoch geblieben, denn es kam noch mehr dazu, was ihm die Laune verdarb:  Alberich hatte sehr schnell begonnen eigene Wege zu gehen. Hatte er ihr noch bei der Anreise angeboten, sie unter die Fittiche zu nehmen… bei der Hackordnung in diesen Kreisen ein wirklich selbstloses Angebot… war sie für seinen Geschmack viel zu schnell flügge geworden. Da konnte er nur hoffen, dass sie keine Bruchlandung erlitt... von einem Absturz ganz zu schweigen. Seine Warnungen und guten Ratschläge, die er ihr ja schon auf der Fahrt vermittelt hatte, hatte sie ja leider größtenteils ignoriert, anstatt sie sich zu Herzen zu nehmen, wenn er ihre genervte Miene richtig gedeutet hatte,

Suchend sah er sich um und entdeckte sie drei Reihen vor sich. Sie saß neben diesem Dr. Linder aus der Berliner Rechtsmedizin und unterhielt sich flüsternd mit ihm. Was wollte der überhaupt von ihr?

Misstrauisch beobachtete er, wie Dr. Linder den Arm über ihre Stuhllehne legte und sie leise über einen seiner Kommentare lachte. So fröhlich hatte er sie schon lange nicht mehr gesehen.

Neben ihm entstand Unruhe, als eine Teilnehmerin sich nicht gerade leise und rücksichtsvoll durch die Reihe drängte und auf den Platz neben ihm setzte. „Professor Boerne, ich freue mich, Sie hier zu treffen“, wisperte Frau Dr. Paterna und legte ihm vertraulich die Hand auf den Arm.
Alberich warf, wie einige andere Zuhörer, einen Blick nach hinten um zu sehen, was los war.
Boerne rückte ein wenig von seiner Nebensitzerin ab. Er hasste es, einfach so berührt zu werden. Nur wenigen erlaubte er das. Thiel war einer davon… Alberich natürlich und… auf die Schnelle fiel ihm niemand ein, aber er wusste, dass die rothaarige Forensikerin nicht dazu gehörte. Behutsam zog er seinen Arm fort.

„Wir hatten uns gestern so angenehm unterhalten“, sie kicherte leicht affektiert „da dachte ich, wir könnten doch heute Abend beim Bankett unser Gespräch fortsetzen?“

Er nickte knapp, auch wenn dies nicht unbedingt das war, was er sich für den Abend gewünscht hatte. Nun, er konnte immer noch mit Alberich erscheinen, dann hätte er eine gute Ausrede. Interesse heuchelnd deutete er nach vorne auf den Redner und legte einen Finger an die Lippen. Sie nickte und schwieg zu seiner Erleichterung.
Er war froh, dass er als nächster Redner angekündigt worden war und sich so in einigen Minuten entschuldigen konnte, weil er sich darauf vorbereiten musste.

~~

Silke klemmte sich einige Haarnadeln zwischen die Lippen und nahm ihre langen Haare zu einem Zopf zusammen. Dann drehte sie ihn mit geübten Griffen zur lang gezogenen Banane und drapierte diese auf dem Kopf. Sie wusste, dass sie größer wirkte, wenn sie ihre Haare so frisierte auch wenn es kompliziert war, die seidigen Strähnen festzustecken. Nicht immer gelang es ihr auf Anhieb, heute schien sie jedoch Glück zu haben.

Sie zog eine der Haarnadeln aus dem Mund und begann damit, die Frisur zu befestigen. Dabei achtete sie mehr auf ihr Gefühl in den Fingern und auf der Kopfhaut, als dass sie bewusst in den Spiegel geschaut hätte.
Eine Bewegung im Spiegel machte sie dann dennoch darauf aufmerksam.
Boerne hatte vorhin telefoniert und so war sie schnell ins Bad gehuscht um noch letzte Hand an Frisur und Makeup zu legen. Sie hatte die Tür hinter sich offen gelassen.

Nun sah sie im Spiegel, dass Boerne mit verschränkten Armen im Türrahmen lehnte und ihr mit einem versonnenen Gesichtsausdruck zusah. Seine Miene war dabei so weich, wie schon lange nicht mehr und überrascht von dem beinahe zärtlichen Blick ließ sie die Haarnadel fallen, die sie soeben hatte feststecken wollen. Sofort wollte sie von der kleinen Trittleiter heruntersteigen, doch Boerne war schneller. Mit zwei langen Schritten war er neben ihr, verhinderte mit einem Griff an ihren Rücken, dass sie von der Leiter stieg und bückte sich. Dann reichte er ihr mit einem leisen Schmunzeln die Nadel. „Wenn sie so hoch steigen, sollten Sie nichts fallen lassen.“

Sie klemmte die Strähne fest und ließ die Hände sinken, die bis eben noch die Frisur zusätzlich festgehalten hatten. Prüfend schüttelte sie den Kopf und spürte im gleichen Moment, wie im Nacken eine Strähne herausrutschte. Sie wollte danach greifen, um sie wieder dorthin zu befördern, wo sie sie haben wollte, als sie Boernes warme Hand an Ihrem Hals spürte. Er nahm die Strähne und ließ sie sich durch die Finger gleiten.
„Warum tragen Sie die Haare nicht offen?“, fragte er leise. „Das wäre doch einfacher.“

Sie lächelte ihn amüsiert an. „Weil ich hin und wieder gerne ein paar Tricks anwende.“ Sie griff nach der Strähne und fixierte sie. Ihr Puls raste und sie bemerkte erstaunt, dass sie, auf der Trittleiter stehend nur wenig kleiner war als Boerne, der dicht hinter ihr stand und über ihre Schulter hinweg ihre Erscheinung im Spiegel musterte. Sein Verhalten irritierte sie.
Zuerst so brüsk und nun fast… zärtlich? …sein Blick so intensiv, dass er sie fesselte und ihre Knie weich werden ließ.

„Tricks?“, fragte er mit einer Sekunde Verspätung. Er war klar mit seinen Gedanken ganz woanders und sie fragte sich, was ihm durch den Kopf gehen mochte.

„Ja, zum Glück habe ich als Frau da ein paar Möglichkeiten größer zu erscheinen.“

„Zweifellos“, stimmte er zu. „Das Kleid steht Ihnen übrigens ausgezeichnet. Nur… ist es heute nicht ein wenig zu kühl dafür?“

Klang seine Stimme belegt oder bildete sie sich das nur ein?

Sie wusste, er bezog sich auf den rückenfreien Ausschnitt. Es war ein gewagtes Kleid, aus dunkelgrüner Seide, ärmellos und eng anliegend. Der asymmetrische Saum reichte auf einer Seite bis zu ihrem Knöchel, auf der anderen endete er über dem Knie. Der vordere Ausschnitt ließ gerade so viel Dekolleté blitzen, dass es nicht zu streng wirkte. Wenn sie sich aber umdrehte…

Es betonte ihre Figur und zusammen mit den wirklich hohen Schuhen in der gleichen Farbe wirkte sie längst nicht so klein, wie sie war. Es war nicht das erste Mal, dass sie es trug aber das erste Mal, dass Boerne es sah.

„Eine Spitzenstola und lange Handschuhe gehören auch noch dazu und im Bankettsaal wird ja wohl geheizt sein.“

Boerne zog die Augenbrauen nach oben. „Alberich, Sie erstaunen mich immer wieder. Sie schaffen es sogar aus Wagners mürrischen Zwerg eine Märchenprinzessin zu zaubern.“

Sie schaute ihn überrascht an und sah wie er erschrocken die Augen aufriss, als ihm wohl bewusst wurde, was er da gerade gesagt hatte.
„Ich meine, Sie müssen aufpassen, dass… Dr. Linder könnte sich als Frosch entpuppen…“, versuchte er sich stammelnd herauszuwinden.

Sie lachte. „Schon gut Chef, aber danke für das Kompliment.“

Um die Verlegenheit zu überspielen, die sie plötzlich erfasst hatte, griff sie nach ihrer Wimperntusche. Boerne verschwand, irgendwas vor sich hin dozierend, aus dem Bad und sie atmete erleichtert auf. Was war nur mit ihr los, dass er so eine Wirkung auf sie hatte. Und was hatte sein Verhalten zu bedeuten?

Einerseits ignorierte er sie, andererseits war ihr aufgefallen, dass er sie kaum aus den Augen ließ und so wie gerade eben… Sie schüttelte ratlos den Kopf und konzentrierte sich auf ihr Makeup. Boerne war und blieb ein Rätsel, auf das sie manchmal einfach keine Lust hatte.

Seine Anspielung auf Dr. Linder war gar nicht so falsch gewesen und sie beschloss, den heutigen Abend zu genießen.

Schließlich war sie mit ihrer Erscheinung zufrieden und tupfte sich noch ein wenig Parfüm auf die Handgelenke und den Hals. Dann kehrte sie ebenfalls ins Schlafzimmer zurück, wo sie sich auf das Bett setzte und die wirklich hochhackigen Schuhe aus der Tasche zog. Sie waren mit dem gleichen Stoff bezogen wie das Kleid und machten sie ein ganzes Stück größer. Es hatte sie einige Übung gekostet, damit  laufen zu lernen, aber nun beherrschte sie es und sie freute sich schon auf die Blicke, die sie heute Abend mal zur Abwechslung nicht nur wegen ihrer geringen Größe auf sich ziehen würde. Sie war nicht eitel, aber manchmal tat es einfach ganz gut ein wenig bewundert zu werden.

Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es langsam Zeit wurde. Schnell streifte sie die langen Seidenhandschuhe über und legte sich die Spitzenstola um die Schultern. Ein Clutch vervollständigte ihre Abendgarderobe. Ohne sich um Boerne zu kümmern, der eben seine Fliege band, ging sie mit schwingenden Hüften an ihm vorbei.

Er stutzte merklich und beeilte sich dann, seinen Smoking geradezuziehen „Warten Sie, Alberich, ich begleite Sie zum Bankett.“

Mit einem feinen Lächeln drehte sie sich um. „Nicht nötig, Professor. Dr. Linder erwartet mich im Foyer.“
Damit ließ sie ihn stehen und freute sich diebisch über seinen verdutzten Gesichtsausdruck.

~~

Boerne schaute ihr reichlich durcheinander hinterher.

Er konnte selbst nicht sagen, was ihn dazu bewogen hatte, ihr beim Frisieren zuzusehen. Es war eine heimelige, fast intime Situation gewesen… und einen Moment lang war er versucht gewesen, sie auf den Nacken zu küssen.

Was war nur in ihn gefahren? Dies war Alberich, seine kleine, großartige Assistentin! Alberich… die heute in diesem grünen Kleid ganz anders wirkte, als sonst.

Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Sie war sehr hübsch mit wundervollen Augen, das war ihm auch sonst schon aufgefallen. Ihr Selbstbewusstsein und Humor verliehen ihr eine Ausstrahlung, die die manch anderer Frau locker in den Schatten stellte, auch das war ihm nicht entgangen. In ihrer Abendgarderobe mit den hohen Schuhen hatte sich dieser Effekt noch einmal verstärkt… zumindest empfand er es so.
Ihr Anblick erschien noch einmal in seiner Erinnerung und etwas nagte an ihm, während er darüber grübelte, was heute Abend anders gewesen war als sonst.

Es dauerte eine Weile bis er begriff was ihm die Laune verdarb: es störte ihn, dass nicht er es war, der sie zum Bankett begleitete.

~~

Dr. Linder erwies sich als angenehmer Tischnachbar und sie plauderte angeregt mit ihm, übersah dabei geflissentlich Boernes säuerliche Miene, der sich mit Frau Doktor Paterna herumschlagen durfte.  Hatte er sich gestern Abend und während der Vorlesungen noch recht angeregt mit ihr unterhalten, so schien sie ihn jetzt eher zu nerven. Silke beobachtete mehrmals, wie er unwillig ihre Hand von seinem Arm abschüttelte oder von ihr abrückte, wenn sie ihm irgendwas vertraulich ins Ohr flüstern wollte. Er schien ganz und gar nicht mehr von ihr angetan zu sein.

Nun, ihr konnte es egal sein. Sie amüsierte sich köstlich.

Nach dem Essen wurden die Türen zum Großen Saal geöffnet und der Klang eines Kammerorchesters lockte die Symposiumsteilnehmer zum Tanzen. Silke schaute hoffnungsvoll hinüber, während sie an Dr. Linder Arm durch den Saal schlenderte. Es tat gut nach dem langen Essen einige Schritte zu gehen.

Doch leider schien der Rechtsmediziner ihre stummen Bitten zu übersehen, denn er dachte gar nicht daran sie zum Tanzen aufzufordern. Stattdessen fuhr er fort, von seinem letzten interessanten Fall zu erzählen. Bis jetzt hatte sie das durchaus interessiert, nun aber sah sie, wie Boerne mit einer der Wissenschaftlerinnen geradezu vorbeischwebte. Dass er so gut tanzen konnte, hatte sie gar nicht erwartet.

Sie versteckte ihre Enttäuschung hinter einem nichtssagenden Lächeln und nahm einen Schluck von ihrem Champagner. Kurz darauf wurde Dr. Linder von einem Kollegen in Beschlag genommen. Sie hörte der Unterhaltung einige Zeit zu, dann trat sie durch die geöffneten Glastüren auf die großzügige Terrasse hinaus.

Langsam ging sie zur Balustrade hinüber und schaute in den nur von einzelnen Laternen beleuchteten Innenhof hinunter. Es hatte zu schneien begonnen und ihr Atem stand in einer weißen Wolke vor ihr, doch die klare, frische Luft der sternenklaren Nacht tat ihr gut.

„Passen Sie auf, dass Sie sich nicht erkälten“, erklang plötzlich leise Boernes Stimme hinter ihr und sie zuckte erschrocken zusammen.

„Mensch, Chef! Müssen Sie mich so überfallen?“ Sie drehte sich um und musterte ihn. Er stand mit auf dem Rücken gelegten Händen vor ihr und betrachtete sie sinnend. Es war fast der gleiche Blick wie vorhin im Bad und sie merkte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte.
Sie verstand nicht, warum Boerne sich so anders verhielt, als sie es gewohnt war und sie wünschte sich seine üblichen Sticheleien zurück.

„Ihr Vortrag heute Morgen war ausgezeichnet, das wollte ich Ihnen nur sagen. Ich wusste gar nicht, dass Sie sich so angelegentlich mit der Verbesserung dieser Untersuchungsmethode beschäftigt haben.“ Er trat neben sie an das Geländer heran und schaute ebenfalls in den Hof hinunter. Einige Schneeflocken ließen sich auf seinen Schultern und Armen nieder und bildeten einen scharfen Kontrast zum schwarzen Smoking.

Sie zuckte mit den Schultern. „Wann immer ich Zeit dafür hatte. Aber von Ihrem Vortrag über den Nachweis von Colchizin in alten Blutproben hatte ich vorher auch nichts gewusst. Auf die Idee, das Blut auf die von Ihnen genannte Weise aufzubereiten, ist wohl noch keiner gekommen.“

Boerne zuckte ausweichend mit den Achseln und winkte sichtlich verlegen ab. „Ach das…“

Ihm schienen die Worte zu fehlen und das war ungewöhnlicher, als sein ganzes bisheriges Verhalten während dieses Symposiums.

Die Musiker hatten eine Pause gemacht und begannen nun wieder zu spielen. Wieder wanderte ihr Blick sehnsüchtig zu den Tanzpaaren, die an den offenstehenden Türen vorbeischwebten.
Boerne musste ihren Blick bemerkt haben. Er trat vor sie und verneigte sich knapp. „Sie sind ja vorhin nicht zum Tanzen gekommen, wie ich bemerkt habe. Deshalb… Darf ich bitten?“

Überrascht ließ sie zu, dass er ihre Hand nahm. Er trat dichter an sie heran, als es üblich war, doch nur so konnte er sie wegen ihrer geringen Größe korrekt halten. Dann begannen sie im Takt der Musik durch den nun dichter fallenden Schnee zu tanzen. Er führte sie sanft und sie genoss den leichten Druck seiner Hand an ihrer Seite und den festen, sicheren Griff mit dem er ihre andere Hand hielt. Seine Schritte waren ihren vom Kleid begrenzten Schritten angepasst und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte das Stück ewig weiter gehen können. Doch irgendwann endete es. Statt sie loszulassen blieb Boerne nur kurz stehen und tanzte dann einfach weiter, als die nächsten Töne erklangen.

Stück um Stück tanzten sie. Der Schnee verbarg den Großen Saal, die offenen Türen und die anderen Gäste. Alles was sie wahrnahm waren die Melodien und die fallenden Flocken, die sie beide in einen Kokon einzuhüllen schienen. Boernes Blick klebte förmlich an ihr und sie merkte plötzlich, dass er sie langsam näher an sich zog.
Ihr Blick wanderte von seinen Augen zu seinen Lippen und sie spürte, wie ihre Knie weich zu werden begannen.

Neben ihnen knallte plötzlich ein Sektkorken und die lauten Stimmen einiger schon recht angeheiterter Symposiumsteilnehmer, die lachend und laut redend auf die Terrasse kamen, ließen sie erschrocken zusammenfahren. Sie rutschte auf dem mit Schnee bedeckten Boden aus und konnte sich gerade noch an Boerne festhalten als sie auf ihren hohen Schuhen umknickte.

Boerne packte geistesgegenwärtig zu und bewahrte sie so vor einem Sturz. Sie blieb stehen und bewegte vorsichtig ihren Fuß. Ein scharfer Schmerz ließ sie aufstöhnen.
„Autsch! Ich glaube, ich habe mir den Knöchel verstaucht“, murmelte sie zerknirscht und versuchte, sich weiterhin an Boerne festhaltend, den Fuß zu belasten.

„Lassen Sie mich mal sehen.“ Kurzentschlossen nahm er sie auf die Arme und trug sie einige Schritte zu einer Bank, die im Schutz der Hauswand stand und bisher vom Schnee verschont worden war. Dann ging er vor ihr in die Hocke, griff nach ihrem Fuß und zog ihr den Schuh aus. Durch die hauchdünnen Nylonstrümpfe hindurch tastete er den Knöchel ab und bewegte das Gelenk vorsichtig.

Sie zuckte zusammen, doch mehr wegen des Gefühls seiner warmen Hände auf ihrem Fuß, als dass es wehgetan hätte. Er hob den Blick und musterte sie prüfend, dann nahm er eine Handvoll Schnee und drückte ihn auf ihren Knöchel.

„Wird es besser? Wenn nicht sollte ich Sie besser aufs Zimmer bringen, damit Sie den Fuß hochlegen und richtig kühlen können.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, es geht schon wieder.“

Er nickte knapp und bewegte noch einmal das Gelenk. „Keine Schwellung und keine Einschränkungen. Versuchen Sie mal aufzutreten.“ Er zog ihr den Schuh wieder an und sie stand, sich an ihm abstützend, vorsichtig auf. Einige behutsame Schritte überzeugten sie, dass sie sich nicht ernstlich verletzt hatte.

„Wieder gut?“ Er schaute zu ihr hoch und richtete sich dann auf, als sie zuversichtlich nickte.
„Gut. Sie sollten sich aber trotzdem eine Weile hinsetzen. Wie Sie mit diesen Schuhen überhaupt gehen können, ist mir ein Rätsel“, dozierte er dann, während er sie vorsorglich am Arm führend zurück zum Saal brachte. „Ich kenne zumindest keine Frau, die sich freiwillig auf solche Schuhe stellt. Haben Sie eigentlich einen Waffenschein dafür? Allein die Absätze wären mehr als geeignet…“

Sie lachte amüsiert.

Eine Stunde später saß sie noch immer neben Boerne am Tisch und hörte seinen Ausführungen zu. Sie stellte wieder einmal fest, dass, wenn er einmal darauf verzichtete sich über andere zu echauffieren und seine Vorzüge ins rechte Licht zu rücken, er ein durchaus interessanter und unterhaltsamer Gesprächspartner sein konnte. Und ein aufmerksamer noch dazu: er hatte darauf bestanden, dass sie den verletzten Fuß unter dem Tisch hochlegte und hatte unauffällig einen Hocker organisiert.

Sie spürte, wie ihr der Champagner langsam zu Kopf stieg und musste ein Kichern unterdrücken, als Boerne eine seiner amüsanten Anekdoten zum Besten gab. Es gab einige, die sie schon kannte, aber dass er bei der Verfolgung dieses Gothic-Jungen in ein ausgehobenes Grab gefallen war, hatte er ihr bisher verschwiegen.

Boerne schaute auf die Uhr. „Die Musiker werden bald aufhören zu spielen. Möchten Sie noch mal tanzen, bevor sie gehen? Das heißt, wenn Ihr Füßchen in diesen Mörderschuhen ebenfalls einverstanden ist.“

„Gerne.“ Sie stand auf und er reichte ihr den Arm, führte sie dann zur Tanzfläche. Wieder hatte sie das Gefühl, mit ihm über das Parkett zu schweben, so perfekt passten sie zusammen.
Als das Stück beendet war, klopfte Dr. Linder Boerne auf die Schulter. „Darf ich Ihnen Ihre bezaubernde Assistentin entführen, Herr Professor? Sie war vorhin so schnell verschwunden und ich wollte sie gerne noch zum Tanzen auffordern.“

Boerne folgte mit leicht unwilliger Miene dem Gebot der Höflichkeit und gab sie frei. Sie lächelte Dr. Linder an und ließ sich nun von ihm über die Tanzfläche führen. Er war ebenso groß wie Boerne, doch anders als dieser schien Linder Probleme damit zu haben, dass sie so klein war. Er hielt sie verkrampft und obwohl er sie mit der gleichen Nonchalance zu führen versuchte wie zuvor Boerne, gelang es ihm nicht. Sie war fast erleichtert, als das Stück zu Ende ging und trat von ihm zurück.
„Vielen Dank, Dr. Linder.“

Er lächelte sie an. „Ich wollte morgen Vormittag die Vorträge schwänzen und hatte gehofft, Sie würden mich vielleicht auf einen Ausflug begleiten? Da ich sonst kaum die Gelegenheit habe herzukommen, wollte ich mir einige der Sehenswürdigkeiten der Stadt anschauen. Darf ich Sie also nach dem Frühstück abholen?“

Etwas überrumpelt suchte ihr Blick Boerne. Er würde am nächsten Vormittag einen weiteren Vortrag halten und eigentlich hatte sie ihn sich anhören wollen. Sie fand Boerne jedoch mit einer Kollegin aus England in ein angeregtes Gespräch vertieft. Wie es schien, hatte sie ihren vollen Charme aufgedreht und bezirzte ihn gerade nach allen Regeln der Kunst, was diesen nicht zu stören schien. Sie spürte einen kleinen Stich und mit ein wenig Trotz sagte sie zu. „Natürlich. Ich freue mich darauf.“

Die Musiker hatten damit begonnen ihre Instrumente zusammenzupacken und ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es an der Zeit wäre ins Hotel zurückzukehren. Sie musste dazu den Innenhof überqueren und da ihr Fuß nach den beiden Tänzen wieder zu schmerzen begonnen hatte, wollte sie ungern allein über den nassen und vom Schnee sicher rutschigen Asphalt gehen.
„Ich würde gerne ins Hotel zurückkehren“, wandte sie sich deshalb an Dr. Linder. „Würden Sie mich begleiten?“

Er nickte begeistert und sie hakte sich bei ihm unter.

Den finsteren Blick, den Boerne ihnen beiden hinterherschickte, bemerkte keiner von ihnen.

~~

Sie schlief schon fast, als einige Zeit später die Tür leise aufgeschlossen wurde und Boerne ins Zimmer trat. Er schaltete kein Licht an, sondern tastete sich im nur vom Mondschein erhellten Raum durchs Zimmer, holte seinen Pyjama und ging dann ins Bad.

Ein dünner Lichtschimmer kroch unter der Tür hindurch ins Zimmer und sie hörte der rauschenden Dusche zu. Kurz darauf kam er wieder ins Zimmer. Ebenso leise wie zuvor ging er zum Bett und schlüpfte unter die Decken.

Obwohl die Matratzen getrennt waren spürte sie durch die Bewegungen, dass er einige Zeit brauchte, um eine bequeme Stellung zu finden. Sie kuschelte sich etwas tiefer in ihr Kissen und atmete den herben Duft seines Duschgels ein, der kaum wahrnehmbar zu ihr hinüberdriftete. Sie war im nächsten Moment schon fast völlig eingeschlafen, als sie ein gemurmeltes „Gute Nacht, Prinzessin“ aufhorchen ließ.

Ein Lächeln stahl sich in ihr Gesicht und sie war versucht zu antworten, ließ es dann aber doch bleiben, als er ihr leise seufzend den Rücken zudrehte.

~~

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Tags: @fanfiction, @tatort-adventskalender-2013, Tatort Münster, alberich, boerne, h/c, pg12
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